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MEILENSTEINE


1890/91


Die Geschichten der Kanzleien Pünder und Axster, die sich im Jahr 1990 in dem historischen Zusammenschluss zur damit größten deutschen Anwaltssozietät Pünder, Volhard, Weber & Axster wieder begegneten, haben beide unabhängig voneinander ihren Ursprung im aufstrebenden Berlin der Gründerzeit.

Osterrieth Axster


„Wir sind Anwälte in der sechsten Generation“, berichtet 1999 im Gespräch mit JUVE Oliver Axster. Die Düsseldorfer Kanzlei des Kartell- und Wettbewerbsrechtlers schließt sich 1990 mit Pünder, Volhard & Weber zur damals größten deutschen Anwaltssozietät Pünder, Volhard, Weber & Axster zusammen. Der Großvater Axsters hatte 1890 die erste deutsche Kanzlei im Gewerblichen Rechtsschutz gegründet.




1922


1922 tritt der bisherige Amtsrichter Erich Wedell (1888-1983) in die Sozietät ein. Nach dem Tod Gordons 1925 heißt die Sozietät Pünder & Wedell.


1938


Paul Spickernagel (1904-1999) gründet seine Kanzlei in Düsseldorf. Mandanten sind wohlhabende Unternehmerfamilien, die Spickernagel wirtschaftsrechtlich, zum Teil auch im klassischen Familienrecht berät. Im Zweiten Weltkrieg wird Spickernagel einberufen und gerät in sowjetische Gefangenschaft, aus der er erst 1955 heimkehrt. Noch im selben Jahr nimmt er seine Tätigkeit als Anwalt wieder auf. Die Kanzlei wächst und wird internationaler. Der Kontakt zu Pünder, Volhard & Weber entsteht durch ein gemeinsames Immobilien-Mandat von Partner Rainer Maschmeier. 1990 geht die Düsseldorfer Sozietät Spickernagel & Partner in der neuen Sozietät Pünder, Volhard, Weber & Axster auf.


Gordon, Jagow & Pünder


1891 lässt sich Adolf von Gordon (1850-1925) als Rechtsanwalt in eigener Kanzlei in Berlin nieder. Der in Minden geborene Jurist stammt aus einer 900 Jahre alten, später zur Herzogswürde erhobenen schottischen Adelsfamilie und ist ein entfernter Verwandter des früheren britischen Premierministers Sir George Gordon. 1881 war Gordon in dem damals international berühmten Kurort Bad Oeynhausen als erster und für Jahre einziger Rechtsanwalt am Königlichen Amtsgericht zugelassen worden, wenig später wurde er auch der einzige Notar am Ort.

1900


Der Londoner Solicitor Harry Clifford Turner gründet seine Kanzlei, aus der 1987 durch Fusion die Magic-Circle-Sozietät Clifford Chance wird – im Jahr 2000 Fusionspartner für Pünder, Volhard, Weber & Axster in Deutschland und Rogers & Wells in den USA.

1914


Werner Pünder tritt nach Abschluss des Jurastudiums und Promotion in die Kanzlei Gordon & Jagow ein. Nachdem im gleichen Jahr Willy von Jagow im Ersten Weltkrieg an der französischen Front fällt, heißt die Sozietät Gordon & Pünder. Adolf von Gordon, der bereits Notar und seit 1910 Justizrat ist, wird 1916 zum Geheimen Justizrat ernannt.




1935


Die Sozietät Pünder & Wedell, die zuvor mehrfach das Deutsche Reich und Reichsminister vertreten hat, verklagt das Reich, vertreten durch den Reichskanzler Adolf Hitler, in der Sache Klausener. In der Klage für die Hinterbliebenen geht es um den auf Befehl Hitlers ermordeten Ministerialdirigenten Erich Klausener. Der Mord soll als Suizid getarnt werden. Die Anwälte streiten um Schadensersatz für die Witwe in Form einer monatlichen Rente. Pünder wird von der Gestapo als Staatsfeind in Schutzhaft genommen, mehrfach verhört und mit dem Tode bedroht. Freigelassen wird er nach Fürsprache der schwedischen Regierung, deren Vertrauensanwälte Pünder & Wedell waren. Pünder darf in der Folge nicht mehr als Anwalt tätig sein und wird bespitzelt.


Albrecht Pünder (1924-2013) war bei Kriegsende aus Berlin nach Bayern geflüchtet. Dort wird der im Krieg schwer verwundete und seitdem Jura studierende junge Mann von der US-Verwaltung als Hilfsrichter eingesetzt. Nach Abschluss des Studiums nimmt er Frankfurt als mögliche künftige Hauptstadt und kommende Wirtschaftsmetropole in den Blick.

1954


1954 kommt nach Fürsprache verschiedener Persönlichkeiten und Institutionen Albrechts Vater Werner Pünder endlich aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft frei. Werner Pünder kehrt nicht nach Berlin zurück, sondern tritt in die neue Frankfurter Kanzlei des Sohnes ein. Der bisherige Partner Erich Wedell führt die Berliner Kanzlei allein weiter.




1954 wird nach dem kriegsbedingten Aus der Kanzlei in Berlin und der Rückkehr von Herbert Axster aus den USA 1953 die Kanzlei Axster in Düsseldorf neu gegründet. Wie schon in Berlin liegt der Schwerpunkt der Rechtsberatung im Gewerblichen Rechtsschutz, Patentrecht sowie Wettbewerbsrecht. Bis zur großen Fusion mit den Kanzleien Pünder, Volhard & Weber und Spickernagel & Partner 1990 wuchs die Sozietät auf acht Partner, darunter Vater und Sohn Herbert und Oliver Axster.


1964


1964 wird Albrecht Pünder in den Vorstand einer deutschen Aktiengesellschaft berufen. Werner Pünder zieht sich aus dem Tagesgeschäft zurück, bleibt aber bis zu seinem Tod 1973 als Anwalt zugelassen. Die Verantwortung für die Sozietät übernimmt ein junger Rechtsanwalt namens Rüdiger Volhard.




„WIR HABEN ALS ERSTE GROSSE KANZLEI MIT FOKUS AUCH AUF PROZESSFÜHRUNG UND GRUNDSTÜCKSRECHT BERATEN – UND VOR ALLEM: IM STEUERRECHT“

1987


Durch Fusion der Kanzleien Clifford Turner und Coward Chance entsteht in "the legal profession’s first super-merger" als jüngstes und hoch ambitioniertes Mitglied des „Magic Circle“ in London die Sozietät Clifford Chance.

IIm Gedenken an die Zivilcourage Werner Pünders wird an der Goethe-Universität Frankfurt zum ersten Mal der jährliche Werner-Pünder-Preis für Qualifikationsschriften zu „Freiheit und Herrschaft“ oder den Grundlagen des Rechts verliehen. Der Preis soll an die andauernde Gefährdung der Demokratie und des Rechtsstaates auch in Europa erinnern. Er ist mit 10.000 Euro dotiert, gestiftet je zur Hälfte von Clifford Chance und Marie-Lise Weber, der Witwe von Dolf Weber.

Rüdiger Volhard, der die Kanzlei Pünder bereits seit 1964 führt, gewinnt 1969 Dolf Weber als weiteren Partner. Mit diesem kongenialen Anwalts-Tandem schlägt das Geburtsjahr der Sozietät in ihrer heutigen Form, die ab da wächst und sich konsequent auf die Beratung von Unternehmen und Körperschaften fokussiert. „Wir hatten die Idee, dass wir das, was wir allein nicht konnten, gemeinsam vielleicht schaffen würden“, sagt Rüdiger Volhard über die ungewöhnliche Partnerschaft.

1983


Für PV&W geht es hoch hinaus: Die Kanzlei bezieht zum 1. April die 30. Etage im Frankfurter Büro Center (FBC) an der Mainzer Landstraße 46. Das Gebäude ist ein Glücksgriff, die genutzten Büroflächen wachsen in jeder Phase flexibel mit der Kanzlei mit, auf zwischenzeitlich bis zu 17 Etagen. Erst 37 Jahre später zieht der größte deutsche Standort von Clifford Chance wieder um – in moderne Büroflächen für dann rund 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im neu errichteten Junghofplaza in der Junghofstraße 14 im Herzen Frankfurts.


1989


Revolution im Anwaltsmarkt: Noch vor der deutschen Wiedervereinigung ebnet ein Urteil des Bundesgerichtshofes „überörtlichen“, also über ihren angestammten Gerichtsort hinaus tätigen Anwaltssozietäten den Weg – und damit Fusionen wie die von Pünder, Volhard, Weber & Axster. Bundesweite Zusammenschlüsse von Rechtsanwälten sowie von Anwälten mit anderen Berufsgruppen sowie Steuerberatern werden zulässig. Die beispiellose Wachstums- und Erfolgsgeschichte nationaler und später globaler Großsozietäten in Deutschland beginnt.

Mit der Wiedervereinigung und zeitgleichen Liberalisierung des Berufsrechts beginnt 1990 die Ära der deutschen Großkanzleien. Die Frankfurter Kanzlei Pünder, Volhard & Weber ist strategisch auf den Wandel vorbereitet. Mit den Sozietäten Axster & Partner und Spickernagel & Partner werden bald Fusionspartner am klassischen deutschen Industriestandort Düsseldorf gefunden. Mit dem Dreifach-Zusammenschluss zu Pünder, Volhard, Weber & Axster entsteht die zweitgrößte Anwaltssozietät in Deutschland.



AUF DEM WEG ZUR WORLD FIRM


Im Management übernimmt die neue Großsozietät Pünder, Volhard, Weber & Axster die expansionsbewährten Strukturen ihres größten Fusionsteils: Wie bei PV&W führt ein Partnerausschuss die Geschäfte und ein Partnerrat trifft strategische Entscheidungen. Irene Thiele-Mühlhan hat als geschäftsführende Partnerin mit ihrem besonderen Geschick und Einfühlungsvermögen großen Anteil daran, dass die Partnerschaft gut zusammenwächst. 1995 werden Thomas Gasteyer und Peter Nägele zu geschäftsführenden Partnern gewählt. Ab 1999 rückt mit Tjardo Siemens zum ersten Mal ein Nicht-Jurist als COO in die Geschäftsführung einer deutschen Kanzlei auf.

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1992


PVW&A initiiert die Pünder Group, eine Verbindung von führenden Kanzleien in Kontinentaleuropa: Cerha, Hempel und Spiegelfeld (Österreich), Stoffel & Partner (Schweiz), Buruma Maris (Niederlande), Coppens van Ommeslaghe & Faurès (Belgien) und De Pardieu Brocas Maffei & Associés (Frankreich). Es folgen gemeinsame Büroeröffnungen in Budapest, Moskau und Hongkong und grenzübergreifende Zusammenarbeit der bis zu 350 Berufsträger an 16 Standorten in elf Ländern.

Oliver Axster, Dolf Weber, Rüdiger Volhard, Albrecht Pünder (v.l.)

1990


Mit Pünder, Volhard, Weber & Axster entsteht aus drei regional gebundenen Kanzleien eine der größten und bundesweit präsenten neuen Anwaltssozietäten. Dieser revolutionäre Schritt löste bei konservativen Zeitgenossen ein rechtliches Tauziehen um das Sozietäts-Logo aus. Den neuen Briefkopf von „PVW&A“ mit dem langen Namen wollte ein Anwalt verbieten lassen. Das Berufungsgericht gab ihm recht und fand den Briefkopf irreführend: War die Kanzlei nun örtlich oder überörtlich, und welcher Anwalt war wo tätig? PVW&A nahm die Argumente des Gerichts auf und gestaltete den Briefkopf kreativ um. So entstand als grafische Lösung das berühmt gewordene Rechteck um den Kanzleinamen PVW&A.


1991


Clifford Chance, erst vier Jahre zuvor aus „the legal profession’s first super-merger“ (The Lawyer) in London als neue Magic-Circle-Kanzlei entstanden, eröffnet in Frankfurt ein erstes deutsches Büro. 1997 folgt als weiterer deutscher Standort Düsseldorf, bereits 2000 die Fusion mit PVW&A.


1997


Die Londoner Magic-Circle-Kanzlei Clifford Chance, die drei Jahre später mit PVW&A fusionieren wird, eröffnet in Düsseldorf ihr zweites deutsches Büro nach Frankfurt 1991.

„WE ARE ESTABLISHING THE NEXT FRONTIER IN THE PRACTICE OF LAW“

2001


Peter Cornell wird globaler Managing Partner der Sozietät. Er treibt unter anderem die Expansion und Konsolidierung der US-Praxis voran und verlegt dazu sein Büro aus London nach New York.


2004


Aus Clifford Chance Pünder wird auch in Deutschland Clifford Chance.




2014


Matthew Layton, seit 2008 Leiter der weltweiten Corporate-Praxis der Sozietät, übernimmt als neuer Global Managing Partner und wird 2018 für weitere vier Jahre gewählt.



2021


Clifford Chance wird von dem führenden internationalen Marktbeobachter Chambers and Partners bei den jährlichen Chambers Europe Awards als Germany Law Firm of the Year 2021 und als Europe Wide Law Firm of the Year 2021 ausgezeichnet. Außerdem gewinnt die Sozietät die nationalen Awards für Frankreich und Polen. „Diese Erfolge in Deutschland und Europa zeigen uns erneut, dass wir die richtigen strategischen Schwerpunkte nicht nur setzen, sondern auch umsetzen“, schreibt Peter Dieners in seiner Dankadresse an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Die von Dolf Weber vorgedachte „Weltfirma“ wird Realität: In einer spektakulären Dreifach-Fusion schließt sich Pünder, Volhard, Weber & Axster mit der Magic-Circle-Kanzlei Clifford Chance und der Wall-Street-Firm Rogers & Wells zusammen. Gemessen am Umsatz entsteht die größte integrierte Anwaltsfirma der Welt mit 2700 Berufsträgern. Als „Recht hoch 3“ bewirbt man die neue Sozietät in ganzseitigen FAZ-Anzeigen. „Wir wollen die law firm of choice sein“, formulieren die Partner selbstbewusst im Interview mit JUVE.


Beyond 2000


Nicht alle mit der Mega-Fusion verbundenen Hoffnungen werden in den Folgejahren in Erfüllung gehen. So erkennt die Sozietät, dass in der weltweiten Rezession zu Beginn der 2000er Jahre und angesichts enormer Management-Herausforderungen der global agierenden Partnerschaft erhebliche Konsolidierungsanstrengungen notwendig sind.


2006


Clifford Chance wird von JUVE als „Kanzlei des Jahres“ in Deutschland ausgezeichnet.


2006


Der bisherige Leiter der weltweiten Corporate-Praxis David Childs wird zum Global Managing Partner gewählt. Er treibt die Konsolidierung und Internationalisierung der Sozietät weiter.




2017


Clifford Chance wird erneut „JUVE Kanzlei des Jahres“ und zudem „Kanzlei des Jahres für M&A“.



2020


Die Sozietät wird von JUVE für die Fachbereiche Banking & Finance sowie Regulierte Industrien als „Kanzlei des Jahres“ ausgezeichnet und in zwei weiteren für einen Award nominiert (Dispute Resolution, Compliance) – mehr als jede andere Kanzlei.